10. Mai 2008
Ist ein Besuch bei Kinderzahnarzt wirklich sinnvoller?
Frau Navidoust: "Sind speziell ausgebildete Zahnärzte
wirklich notwendig?"
Ja, so sind Milchzähne z.B. ganz anders aufgebaut, und sie verhalten sich auch anders als die bleibenden Zähne. Und da bei Kindern das Schädelwachstum noch nicht abgeschlossen ist, verändert sich auch das Gebiss ständig. Für die Kleinen gelten daher ganz andere Behandlungsansätze- und konzepte, die häufig nur vom spezialisierten Kinderzahnarzt regelmäßig angewendet werden.
Ein Beispiel: Da der Zahnschmelz bei den Milchzähnen weniger stark mineralisiert ist, halten Füllungsmaterialien viel schlechter. Hier muss der Zahnarzt dann eher zu einer konfektionierten Kinderkrone greifen. Diese vorgefertigten Modelle gibt es in unterschiedlichen Größen; einmal eingesetzt, halten sie normalerweise so lange, bis die Zähne auf natürliche Weise ausfallen. Bei Kleinkindern muss man auch schneller zu endodontischen Maßnahmen greifen – also z.B. zu Wurzelbehandlungen. Der Grund: Der Milchzahn hat eine geringe Schmelz-Dentin-Dicke, ist also sehr dünn. Bakterien können somit einfacher und auch schneller durch das Dentin wandern und dann Krankheiten an der Zahnwurzel verursachen – wie z.B. eine Fistel oder einen recht schmerzhaften Abszess.
Gleichzeitig unterscheiden sich die psychologischen
Begleitumstände einer Kinderbehandlung deutlich von der Erwachsenen-Psychologie. Hierbei sollte man auch bedenken, dass im Kindesalter die Grundlage für eine mögliche Angst vor dem Zahnarzt aber auch die Voraussetzung für
den Zahnerhalt bis ins hohe Alter gelegt wird.
Und wie unterscheidet sich Ihre Behandlung im Hinblick auf die Kinder?
Wir gehen zunächst einmal ganz individuell auf die Kleinen ein. So haben wir bei der Kinderbehandlung eine eigene Wortwahl: Eine Krone ist z.B. ein Hütchen für einen prinzessinnen- oder Ritterzahn. Spritzen sind Zahneinschlagtröpfchen, der Absauger heißt Schlürfi, der Wasserspritzer ist die Waasserpistole, die Bohrer sind Zahnputzer- oder duschen oder auch mal ein Straßenputzauto – je nach Vorliebe des Kindes. Aus diesem Grund fragen wir die Eltern und die Kinder auch vorher immer, was sie besonders mögen.
Beim ersten Zahnarztbesuch ist es zudem ganz wichtig,
herauszufinden, wie sich das Kind benimmt. Ist es ängstlich oder kooperativ, und ist eine Behandlung in Lokalanästhesie zu diesem Zeitpunkt überhaupt schon möglich oder sollte sie besser mit Naturheilmitteln beruhigen oder eine Vollnarkose stattfinden? Unser beliebtestes Hilfsmittel, um das anfängliche Eis zu brechen, ist eine Krokodilhandpuppe. Da dürfen die Kleinen die Zähne als Erstes mit einem Spiegel zählen und später auch mit einem Bürstchen putzen. Und in der Regel darf ich das dann anschließend
auch beim Kind tun.
Das hört sich ja an, als ob Sie in Ihrer Praxis mehr
spielen als behandeln ...?
Nein (lacht), das klingt zwar alles sehr lustig, aufwändig und sehr zeitintensiv, aber es reicht meist schon, wenn ich mich mit dem Kind vor der Behandlung einfach zwei Minuten in Ruhe beschäftige, ihm eine kleine Geschichte erzähle
oder es mit den Handpuppen spielen lasse.
Als Kinderzahnärztin sind Sie also auch Psychologin, Puppenspielerin, Geschichtenerzählerin...?
Ja, Geschichten sind der Schlüssel zu Kindern. Über normale bzw. rationale Erklärungen kommen Sie an die Kleinen nicht heran. So verpacken wir während der Behandlung alles in eine Geschichte. Sie soll dann genau das widerspiegeln, was das Kind gerade bei uns erlebt. Eine ideale Erzählung ist derzeit „Bob der Baumeister“. Er fängt im Mund an zu baggern und zu buddeln, und später mischt seine Betonmischmaschine den Kunststoff an. Die Matrize ist dann das Gerüst, das an die Baustelle angelegt werden muss. Davon sind die Kinder ganz begeistert. Und bei den ganz Kleinen wollen Karius und Baktus dann eben Häuser in den Zähnen bauen. Deswegen müssen sie mit einer Bürste
auch immer wieder verscheucht werden.
Um die Kinder noch besser zu erreichen und beruhigen
zu können, habe ich, wie viele meiner Kollegen, die sich auf Kinderzahnheilkunde spezialisiert haben, eine spezielle Ausbildung zur Kinderhypnose gemacht. Der kleine Patient wird dadurch nicht manipuliert, sondern einfach nur für
etwas begeistert bzw. in eine Geschichte involviert.
Hierbei geht es also nicht um eine Schmerzausschaltung,
sondern um eine kindgerechte Beruhigung und Ablenkung.
Haben Sie einen Ratschlag für Eltern, die zum ersten
Mal mit ihrem Kind zum Zahnarzt wollen?
Je weniger Aufhebens die Eltern vor dem Zahnarztbesuch
machen, desto besser. Wer zu seinem Kind sagt: „Du brauchst keine Angst zu haben“, der bringt es meistens erst auf die Idee, dass etwas Unangenehmes bevorstehen könnte. Besser ist es, das Kind auf die bevorstehende Behandlung neugierig zu machen, indem man ihm z.B. vom „Zauberstuhl“ erzählt. Viel hilft es auch, vorher mit dem Kind zu üben, seine Zähne zu zählen. Und das es sein Lieblingsspielzeug zu uns mitbringen darf, ist ja selbstverständlich.
Bei starken Schmerzen findet übrigens nicht immer eine Behandlung statt, denn dann ist das Kind meistens sehr unruhig und angespannt. In diesem Fall verschreiben wir häufig erst Medikamente, um die akute Entzündung einzudämmen. Später können wir dann in Ruhe mit den Eltern besprechen, welche Behandlung durchgeführt werden sollte und in welcher Form – ob z.B. in Lokalanästhesie, Sedierung oder Vollnarkose.
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