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Ursachen einer Entwicklungsstörung
Nur etwa jede 5. Kieferfehlentwickung ist genetisch bedingt.
Erblich veranlagt können zum Beispiel fehlende Zahnanlagen bzw. zu
viele Zähne, ein Missverhältnis zwischen Zahn- und Kiefergröße
oder Wachstumstendenzen im Knochensystem sein. Sehr viel häufiger liegt
die Ursache für die Fehlentwicklung in ungünstigen Gewohnheiten,
wurde also erworben. Für die Entstehung der Kieferanomalie sind in
vielen Fällen falsche Atmung (Mund- statt Nasenatmung), falsches Schluckverhalten,
unkorrekte Zungenlage oder Fehlhaltung verantwortlich.
1. Falsche Atmung durch unzureichendes Stillen
Nicht selten liegt der Beginn der Entwicklungsstörung
bereits im Säuglingsalter. Kinder, die ausreichend gestillt werden,
lernen durch das Saugen an der Mutterbrust auf ganz natürliche Weise,
richtig zu atmen und zu schlucken. Im Normalfall saugt das Kind mit geschlossenen
Lippen. Beim Saugen an der Brust werden durch verschiedene Mund- und Rachenbewegungen
zahlreiche Muskeln trainiert. Das bringt Wachstumsanreize für die Kieferentwicklung,
fördert die Nasenatmung und stärkt dadurch die Abwehr gegen Infekte.
Wird ein Kind nicht oder nicht ausreichend gestillt, kann es ein normales
Saug- und Schluckverhalten nicht erlernen. Die natürlichen Schluck-
und Atmungsvorgänge sind gestört. Folge ist eine Erschlaffung
der Lippen, Wangen und Zungenmuskulatur des Kindes. Kinder, die vorwiegend
durch den Mund atmen, schließen ihre Lippen nicht richtig. So wird
eine ständige Fehllage der Zunge verursacht. Die Lage des Zungenbeins
verändert sich; die Fehlfunktion der Zunge bewirkt eine Verformung
des noch weichen Ober- und Unterkiefers. Die Nasen- und Nasennebenhöhlen
werden schlecht entwickelt. Das Risiko von Nebenhöhlenentzündungen
steigt. Die schlechte Durchatmung der Nasennebenhöhlen führt außerdem zur Lymphstaus.
Nur eine gute Nasenatmung erlaubt unbeengtes Wachstum und
eine einwandfreie Funktion des Nasen- und Rachenraums. Wird überwiegend
durch den Mund geatmet, kann die Nasen- und Kieferhöhle ihre wichtige
Funktion der Luftreinigung und Abwehrleistung sowie das Anwärmen der
eingeatmeten Luft nicht mehr erfüllen. Die Versorgung des Gehirns mit
Sauerstoff wird reduziert. In der Folge kann es zu Lernproblemen, Konzentrationsschwächen
oder Unruhe kommen. Auch für eine erhöhte Infektanfälligkeit
ist die Ursache häufig eine Mundatmung.
2. Schluckfehler
Beim normalen
Schluckmuster wird die Speise nach dem Abbeißen und Zerkleinern der
Nahrung mit dem Speichel vermischt und zu einem Speisebrei geformt, der
auf der Zunge platziert wird. Danach drückt die Zungenspitze hinter
die vorderen Schneidezähne, ohne jedoch einen Zahn zu berühren.
Durch eine wellenförmige Zungenbewegung wird die Speise am Gaumen entlang
in den Rauchen befördert, wo der Schluckreflex ausgelöst wird.
Weicht das Schluckmuster von der Norm ab, wird die Zunge beim Schlucken
anstatt gegen den Gaumen gegen oder zwischen die Zähne gedrückt.
Im Gegensatz zum Gaumen können diese der Zungenkraft nicht standhalten.
Es kann zu einer Bissverschiebung bis hin zur Verformung der Kiefer kommen.
Häufige Folge solcher myofunktionellen Störungen sind Haltungsschwächenvund skelettale Störungen.
3. Zungenhaltungsstörung
Eine fehlerhafte
Bewegung der Lippen und Zungenmuskulatur und eine falsche Zungenlage kann
zu Sprach- und Artikulationsstörungen führen. Schon durch eine
veränderte Zungenruhelage kann die Aussprache gestört sein. Die
bekannteste Form einer solchen Sprachstörung ist das Lispeln. In vielen
Fällen wird eine unkorrekte Zungenlage durch seelische Anspannung mit
verursacht. Der durch den Stress gesteigerte Muskeltonus des ganzen Körpers
lässt die Zunge nach vorne drängen.
4. Haltungsfehler
Die Regulation
und Steuerung der Körperhaltung ist eine Funktion des Kleinhirns. Afferente
Informationen aus der Haut (vor allem der Fußsohle), dem muskulo-skelettalen
System (Proprizeption, vor allem Kopfgelenke und craniomandibuläres
System), dem Auge und dem Innenohr dienen als Grundlage für die efferente
Steuerung der Stützmuskulatur. Im Optimalzustand befinden sich proprizeptorische
Hemmung und Förderung im Gleichgewicht. Es erfolgt eine ökonomische
Muskelarbeit gegen den Einfluss des Schwerfeldes der Erde
und Störfaktoren
von außen oder innen werden ausgeglichen. In diesem Fall befindet
sich die Mundharmonie in Balance mit der Körperharmonie. Ist jedoch
die Harmonie im Mundbereich durch eine Kieferanomalie gestört, hat
dies Auswirkungen auf die Körperhaltung des Kindes. Umgekehrt können
angeborene Haltungsfehler Fehlentwicklungen im Mund- und
Kieferbereich fördern.
Die Haltung nimmt also Einfluss auf Mundraum, Rachen und
Kiefer – und
umgekehrt.
Dr. med. dent. Wolfgang H. Koch
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